über Wasser, Wolken, Stahl und mehr. . .

Das Messbuch

Wie das Leben mir, als einem ehemaligen Konviktoristen so spielt, werde ich nun mal etwas ernsthaftes zu Leder bringen. Meinem Physiotherapeuten gefielen meine Lederarbeiten recht gut und so kam es wie es kommen musste... Als Mitglied des Kirchenrates (Pfarrgemeinderat) sprach er mich an, das Messbuch sei nun in die Jahre gekommen und bedürfe einer "gewissen Aufarbeitung", ob man da nicht einen Ledereinband machen könne.

Natürlich kann ich und will ich auch. Nach dem ersten Aufmaß in der Sakristei

erstellte ich wie immer einen ersten, groben Entwurf, aussen:

Und innen:

Der Einband wird auch ganz schön groß, aber ich werde alles unternehmen, dass die Gemeinde ihr Weihnachtsfest mit einem neu eingebundenen Messbuch feiern kann.

Im Laufe der Zeit änderte sich die Qualität des Siegels, ein flexiblerer Rücken durch eine Erweiterung auf zukünftige Maße und vor allem die Farbgestaltung..., auch dies aussen:

Und Innen:

Alleine das Kirchensiegel war ein wahre Herausforderung. Möglichst original sollte es im Leder erscheinen, doch es gab keine Vorlage des dekorativen und einzigartigen Siegels.

Wir versuchten einen sauberen Stempel mit diesem Siegel zu machen, aber das versagte völlig, (die Gründe sieht man weiter unten); "verwaschen", undeutlich und leider "so gar nicht zu gebrauchen" seien die aktuellen Stempel-Ergebnisse, teilte man mir mit." Und so musste ich auf ein Stammbuch der Mutter meiner Herzdame zurückgreifen. Hierin gab es das Kirchensiegel immerhin viermal, entstanden in den 60er Jahren... Diese scannte ich in maximal möglicher Auflösung ein...

Nein, sie waren auch nicht wirklich deutlich und daher habe ich sie freigestellt, zusammengeführt, ausgerichtet und möglichst originalgetreu bearbeitet. Hier in schwarz die Überlagerung aller vier Stempel und die dann daraus resultierende vorläufige Bearbeitung in blau:

Nicht wirklich zufriedenstellend, gerade die Beine, Faltenwurf des Gewandes und vor allem das Gesicht konnten so nicht bleiben. Das Gesicht wurde nachbearbeitet, eher ins abstrakte gehend, jedoch ohne diesen merkwürdigen Ausdruck, wogegen sich die Schrift, der Heiligenschein und die Umrandung noch recht gut rekonstruieren liessen. Aber, es hat mit "Original" wenig zu tun. Eine echte Rekonstruktion stelle ich mir anders vor.

Erneut sprach ich vor, bat darum, das Siegel makro fotografieren zu dürfen. Ich hoffte, man müsste dann die ursprüngliche Gravur klarer erkennen zu können. Ein Termin wurde vereinbart, aber es stellte sich leider heraus, dass das gewählte Material, (wahrscheinlich eine Messing-Legierung mit hohem Kupfer-Anteil), in den 50er Jahren wohl leicht graviert werden konnte, aber für einen so langjährigen Einsatz vielleicht einfach zu minderwertig war. Es war allerdings auch durch die Stempelfarbe von rund 70 Jahren völlig verkrustet, eigentlich ist ein Metallsiegel ja für Siegellack und Siegelwachs gemacht, das hält dann das Siegel schön sauber. Es scheint zudem durch den jahrelangen Einsatz offensichtlich mechanisch gestaucht. Weder die Faltenwürfe im unteren Siegelteil...

und schon gar nicht die genauen Gesichtszüge ließen sich in diesem Zustand daraus wirklich rekonstruieren...

Auch das vorhandene "kleine Siegel" brachte noch nicht die ersehnte "Klarstellung"...

Ohne diesen Siegeln mit "scharfen" Mittelchen zu Leibe zu rücken, würde man die Verschmutzungen kaum Entfernen können. Solche Maßnahmen bergen auch ein recht hohes Risiko und es ist nicht sicher, ob die Stauchung des Materials dann überhaupt ein wirklich besseres Ergebnis erbringen. Das kam daher für mich nicht in Frage.

Zum Glück erschien dann  Pastor Alexander Kurp und tauchte für mich, seinem engen Terminkalender zum Trotz, tief ins Kirchenarchiv hinab, ein Abdruck des großen Siegels aus 1983 machte schon Mut...

und es ging weiter zurück, zu Zeiten, als das Siegel noch frisch und unverbraucht war. Ja! Diese Abdrücke aus 1956 brachten dann den Durchbruch, damit kann ich nun weiterarbeiten und das Kirchensiegel wirklich rekonstruieren. Die Beine und der Faltenwurf sind gut und sauber zu erkennen...

und endlich sieht man klar die ursprünglichen Gesichtszüge, (so schlecht war die erste Überarbeitung eigentlich ja gar nicht).

Alle fraglichen Details kann ich nun zumindestens erkennen und manuell nach Vorlage nacharbeiten. Und es hat sich gelohnt, Die rechte Hand, die Beinkleider, die Faltenwürfe, der Saum der Soutane, aber auch das Gesicht sind jetzt weitaus exakter und ausdruckstärker geworden, man vergleiche die ursprüngliche Ausgangsbasis und das fertige Ergebnis:

Nächste Schritte sind nun der Zuschnitt und die 3D-Prägung.

... wird schnell fortgesetzt, Heiligabend 2021 muss alles fertig sein, und es ist noch ein weiter Weg.